22. Februar 2011

Dobro pozhalovat, Odett, v „Lebedinoe ozero“.

Ich kann es einfach nicht lassen. Erst reichlich verspätet besuchten Nana und ich den Film „Black Swan“. Ohne Umwege nistete sich dieser Film in meinem Kopf ein und verfolgte mich für den Rest des Abends und auch die folgenden Tage noch. Der Hype um dieses Meisterwerk ist nicht übertrieben, der Film ist in der Tat wahnsinnig in vielerlei Hinsicht. Ich denke, es wird mir kaum einer widersprechen, wenn ich von diesem Film als Kunstwerk spreche. Und Kunst hat die Gewohnheit häufig völlig sinnfrei zu sein, in diesem Fall allerdings habe ich zahlreiche Bilder und Symbole wiederfinden können. Also beschloss ich kurzerhand meinen Strom von Gedanken in eine geordnete Form zu bringen. Natürlich will ich meine Niederschrift auch mit Euch teilen.

Allen, die den Film noch nicht geschaut haben und es aber noch vorhaben, rate ich, ab hier nicht mehr weiterzulesen.

Da ich davon ausgehe, dass Ihr alle mit der Handlung des Films vertraut seid, werde ich nicht weiter darauf eingehen, sondern gleich zum Eigentlichen kommen. Der Film lehnt sich bekanntlich an Tschaikowskis Ballett „Schwanensee“ an. Für diejenigen, die sich nicht mehr an den genauen Handlungsverlauf erinnern: Im ersten Part werden der Prinz Siegfried und der königliche Hof vorgestellt, welcher des Prinzen Geburtstag feiert. Die Königin bittet den Prinzen an diesem Abend darum, bald eine Braut zu finden. Im zweiten Akt trifft der Prinz in einem verwunschenen Wald auf die Schwanenkönigin Odette, die vom Zauberer Rotbart verflucht wurde. Der Fluch lässt sich nur durch die wahre Liebe brechen. Die beiden verlieben sich und der Prinz lädt Odette zum Ball ein, um sie der Königin vorzustellen, doch Rotbart erfährt von diesem Vorhaben. Im dritten Akt findet der besagte Ball statt, doch statt Odette erscheint Odile, das negative Ebenbild Odettes, in Begleitung von Rotbart und verführt den Prinzen. Dieser schwört ihr ewige Treue, während Odette das Geschehen aus der Ferne beobachtet. Zu spät erfährt der Prinz vom Betrug. Der letzte Part findet am Schwanensee statt, an dem der Prinz Odette um Verzeihung bittet. Vom Schluss gibt es verschiedene Versionen: entweder stirbt einer der Beiden im Kampf gegen Rotbart oder am gebrochenen Herzen oder beide sterben oder beide besiegen Rotbart und der Fluch ist gebrochen.

Doch nicht nur das Schwanensee-Motiv ist im Film wiederzufinden, sondern auch ein altbekanntes Märchen, Andersens „Das hässliche Entlein“. An dieser Stelle werde ich es mir erlauben, auf unseren Freund Wiki P. zurückzugreifen.

„Eine Entenmutter brütete sechs gesunde putzige Entlein aus. Das siebte Ei jedoch war größer, drum dauerte es länger, bis ein graues Küken ausschlüpfte. Die sechs Küken lernten schnell. Das siebte wirkte tollpatschig, unbeholfen und ungewöhnlich hässlich. Die Tiere verspotteten es, weil es dumm und hässlich war, und keines von ihnen wollte mit ihm spielen. Es beschloss davonzulaufen und traf zwei Gänse, die auch keine Antwort darauf wussten, warum es so hässlich war, und wurde von den Gänsen vor dem Jäger gewarnt. Kein Tier, dem es begegnete, hatte je von einem grauen Entenküken gehört. Von einer alten Bäuerin wurde das Entlein für eine Gans gehalten und in einen Käfig gesperrt, um Gänseeier zu legen. Es konnte da drinnen jedoch keine Eier legen. Als die Bäuerin eines Nachts versehentlich die Käfigtür aufgelassen hatte, entschloss sich das kleine Entlein aus Angst geschlachtet zu werden zur Flucht. Als der Morgen graute, fand es ein Versteck im Schilf am Rande eines wunderschönen Sees und blieb dort eine Zeit lang. Es beobachtete immer wieder die schönen, stolzen Schwäne und wünschte sich, auch einmal so schön zu sein. Als der Winter übers Land kam, musste das Entlein sein Versteck verlassen um Nahrung zu suchen. Seine Kraft ließ nach, bis es schließlich in den Schnee fiel. Doch es hatte Glück, ein Bauer sah es und nahm es mit nach Hause. Die Familie kümmerte sich den Winter über um das Entlein. Im Frühling brachte der Bauer es wieder zurück an den See - und dort erkannte es sich im Spiegelbild des Wassers kaum wieder: Es war zu einem erwachsenen, stolzen Schwan geworden und flog mit den anderen Schwänen davon. Es war wirklich der schönste von allen.“

Aus diesen zwei Aspekten, Odettes Tragödie am Schwanensee sowie die Entwicklung zum schönen Schwan, werde ich „Black Swan“ mindestens betrachten müssen, um auch nur ansatzweise den Film zu verstehen.

Nina träumt davon, für die Rolle der Schwanenkönigin ausgewählt zu werden. Ihr Wunsch erfüllt sich, doch um ihre Rolle perfekt umzusetzen, muss sie nicht nur den weißen, sondern auch den schwarzen Schwan verkörpern können. Doch sie wirkt unscheinbar, unsicher und voller Unschuld, sie strebt die Verwandlung zum schönen Schwan bzw. zum schwarzen Schwan an. Der gesamte Film befasst sich mit dieser Entwicklung, an der maßgeblich vier Personen beteiligt sind.

Thomas Leroy, der Direktor

Als einziger männlicher Hauptdarsteller liegt die Vermutung nahe, dass ihm die Rolle des „Prinzen“ im Film zukommt. Zwar war dies auch mein erster Gedanke, doch inwiefern trifft das zu? Was dafür spricht: In einer Anfangsszene läuft Leroy durch den Ballettsaal auf der Suche nach einer neuen Schwanenkönigin für seine neue Interpretation des klassischen Balletts. In Tschaikowskis Version sucht der Prinz nach einer neuen Thronfolgerin, um sozusagen die alte Königin abzulösen.

Leroy hat in Nina seine Hauptdarstellerin gefunden, doch sieht er in ihr nur den weißen Schwan, nicht den schwarzen. Er gibt ihr zu verstehen, dass sie zwar die unversehrte Schönheit des weißen Schwans besäße, jedoch nicht das verführerische Wesen des anderen. Somit gibt er den entscheidenden Anstoß für Ninas Entwicklung. Diese wird durch den Wunsch nach Leroys Anerkennung angetrieben, doch kann man wirklich von Liebe sprechen?

Natürlich nimmt er im Film die Rolle des Prinzen ein. Jedoch ist er auch eine Personifikation Rotbarts, der für die Verwandlung oder den „Fluch“ Ninas verantwortlich ist. Bezogen auf Andersen ist Leroy die Umgebung des „hässlichen Entleins“, die in eben diesem den Wunsch aufkommen lässt, zum schönen Schwan zu werden. Man kann ihn als den Vorantreibenden in Ninas Entwicklung bezeichnen.

Erica, die Mutter

Das familiäre Umfeld eines Menschen ist ein ungeheuer wichtiger Faktor in der Betrachtung eines Charakters und dessen Beziehungen zu anderen Figuren. Daher fangen wir erst einmal klein an. Während des gesamten Films wird uns lediglich die Mutter als familiären Bezug vorgestellt. Eine ungewollte Schwangerschaft, die die Ballettkarriere der Mutter beendete, ist die einzige Andeutung auf einen Vater. Ob er noch lebt oder ob er von der Mutter getrennt ist, wird nicht erwähnt, doch steht in jedem Falle fest, dass er sich nicht in Ninas näherem Umfeld befindet. Weitere Geschwister scheint Nina nicht zu haben. Auch ihr Alter ist unklar, ich schätze sie auf um die 20.

Wegen der frühzeitig beendeten Karriere als Ballerina scheint die Mutter ihre eigene erstrebte Laufbahn auf ihre Tochter zu übertragen. Daraus resultiert die gewaltsam-liebevolle Erziehung Ninas zu einem frigiden, sehr infantil wirkenden Mädchen, das auf einer Entwicklungsstufe stehengeblieben zu sein scheint. Nina ist äußerst wohlbehütet unter den „Flügeln“ ihrer Mutter aufgewachsen, wurde jedoch nie „an der langen Leine“ gelassen, damit sie ihr nicht entfliehen kann. Dieses Verhalten ist nur allzu verständlich, bedenkt man die Situation der Mutter, die ihre Karriere aufgeben und ihre Tochter ohne einen Mann an ihrer Seite aufziehen musste.

Doch jede Mutter-Kind-Beziehung kommt schließlich zu dem Punkt, an dem das Kind beginnt, sich von der Mutter loszulösen. Als die Mutter Veränderungen zunächst am Körper, später im Wesen Ninas bemerkt – man denke an die eigene Pubertät, im Film differenziert dargestellt – versucht sie diesen Prozess zu verhindern. Ihre einstige Unterstützung in Ninas Ballettkarriere schlägt um, als sie realisiert, was der Wunsch ihrer Tochter, der schwarze Schwan zu sein, für Folgen mit sich zieht. Ihre mütterliche Fürsorge ist nachvollziehbar, ab einem kritischen Punkt spiegelt diese sich allerdings in wahnsinniger Form wider, ohnehin ist die Mutter schon psychotisch.

Der Film beschreibt als Teilaspekt das Heranwachsen eines Kindes und das Loslösen von der Mutter. Beides ist stets mit Konflikten verbunden, doch es ist ein notweniger Prozess für die Reife eines Menschen. Aus diesem Grund werden sicherlich viele Zuschauer die Mutter als, wie soll ich sagen, Dorn im Auge betrachtet haben, da sie die Entwicklung Ninas mit allen Mitteln zu beeinträchtigen versuchte. Ich persönlich empfand die Anwesenheit der Mutter zeitweise als angenehm, denn sie holte Nina während ihrer Halluzinationsphasen stets in die reale Welt zurück, indem sie die Szene betritt. Selbstverständlich stellt sie damit eine Behinderung in Ninas Entfaltung dar, da ihre Wahnvorstellungen sie ihrem Wunschbild näherbringen. Wer hat sich insgeheim nicht trotzdem vor der ersehnten Verwandlung Ninas gefürchtet? Einzig und allein die Anwesenheit der Mutter während der ersten sexuellen Erfahrungen Ninas empfand ich als unangenehm unnatürlich.

Doch sollte man die Mutter nicht nur als Individuum sehen, sondern auch als einen Teil Ninas, der sie an einer Veränderung hindern will. Auch sie ist eine Personifikation des Tschaikowski’schen Rotbarts: Sie hat Ninas Leben von Beginn an eingeschränkt und lehnt die Hingezogenheit Ninas zum „Prinzen“ Leroy vehement ab. Erweitert man das alles auf das „Hässliche Entlein“ ergibt sich für die Mutter die Rolle der Bäuerin, die das „Entlein“ Nina einsperrt, damit es Eier legt bzw. sie sich entfaltet. Da das unter gegebenen Umständen nicht möglich ist, entflieht das Entlein/Nina der Bäuerin/Mutter, als diese unachtsam war. Insgesamt betrachtet agiert die Mutter als die Hemmende in Ninas Reifeprozess.

Beth, die Alte

Sie ist die Inkarnation von Tschaikowskis Königin. Sie hat die Blüte ihres Lebens hinter sich und soll nun nach dem Höhepunkt ihrer Karriere abtreten und den Platz einer Nachfolgerin freimachen. Was bei Tschaikowski allerdings in Form des Wunsches der Königin an den Prinzen stattfindet, geschieht bei Beth nur unfreiwillig. In gewisser Weise eine „sterbende Schwanenkönigin“. Sie verachtet Nina, da sie ihr den Platz an der Sonne streitig macht und dies natürlich auch geschafft hat. Im Grunde verachtet sie aber das Alter. Auch hier wird der unausweichliche Prozess des Älterwerdens und die Furcht davor thematisiert. Diese Angst nimmt wahnsinnige Gestalt an und Beth verletzt sich selbst, wie im späteren Verlauf der Handlung auch Nina, indem sie mutwillig vor ein Auto wirft.

Nichtsdestotrotz verkörpert sie Ninas Wunschbild. Sie ist der vollkommende Schwan, der Nina sein muss, um zur ersehnten Anerkennung von Leroy zu erlangen. Nina verehrt Beth, sie will so sein wie sie. Um dies zu erreichen hat sie sich heimlich Beths Eigentümer angeeignet, um ihrem Idol ein Stück näher zu sein.

Eines Abends beobachtet sie jedoch, wie sich Lily Leroy hingibt – ob real oder in Ninas Phantasie ist unklar – und sie beginnt Beths Verzweiflung darüber zu verstehen, dass diese durch Nina ersetzt wurde. Ebenso versucht sie nun ihren Entwicklungsprozess zu stoppen, sie verspürt Angst gegenüber der von ihr erstrebten Perfektion. In der Hoffnung, sich auf diese Weise von Beth, Ninas erhofftem neuen Ich, distanzieren zu können, gibt sie dieser bei einem Besuch all ihre Sachen und somit die von Nina erworbenen „Eigenschaften“ Beths zurück. Diese sticht sich daraufhin mit einer Feile ins Gesicht, doch letzten Endes Nina das Blut an den Händen. Im Eifer des Gefechts sind mir einige Dinge verschlossen geblieben: Hat Beth sich selbst verletzt? Oder schien es nur in Ninas Vorstellung so und die Stichwunden hat sie zu verantworten? Ist die Szene überhaupt real gewesen? Und wenn ja, ist Beth noch am Leben? Hat Nina gar sich selbst verletzt, da sie ihr eigenes Wesen auf Beth übertrug?

Auf alle Fälle kann sie Beth nicht mehr entkommen, ihre entstellte Gestalt erscheint ihr immer wieder – das Auftauchen und Verschwinden Beths in Ninas Wohnung waren für mich die grausigsten Momente dieses Films. Ninas Verwandlung ist unausweichlich. Auch ihre Verunsicherung und Enttäuschung über Beths glanzlosen Niedergang stellen dabei keine Hindernisse mehr dar. Denn immerhin ist Beth, der schöne ausgewachsene Schwan, das Ziel ihrer Metamorphose, das Ninas Unterbewusstsein zu erreichen versucht.

Lily, die Neue

Eingeleitet wird Ninas Verwandlung durch ihren Traum zu Beginn, in welchem sie die Schwanenkönigin tanzt. Hier tritt „Rotbart“ das erste Mal auf und verflucht sie. Mit dem ersten Auftreten Lilys in der U-Bahn nimmt die Entwicklung dann ihren Anfang. Schon dort ist Nina die Ausstrahlung Lilys aufgefallen. Die erste Annäherung erfolgt aber erst während eines schwachen Moments Ninas. Als sie nach einer Probe alleine weinend im Ballettraum zurückbleibt, verzweifelt über die scheinbar unmögliche Umsetzung bzw. Entfaltung des schwarzen Schwans, nimmt Lily Kontakt zu ihr auf.

Lily ist die zentrale Figur in Ninas Metamorphose. Sie verkörpert das, was Nina sein will. Um es sinngemäß mit Leroys Worten auszudrücken: „Ihre Bewegungen sind leidenschaftlich, sinnlich, wenn auch nicht vollkommen.“ Das ist der Punkt, an dem eindeutig eine Abgrenzung zum Charakter Beth vorgenommen wird. Während Beth den vollkommenen Schwan repräsentiert, stellt Lily lediglich einen Teilaspekt dessen dar, was Nina zu sein wünscht. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis von großer Bedeutung. Nina sieht in Lily eine Frau voller Sinnlichkeit, der sogar die Verführung Leroys gelungen ist, wozu Nina selbst nicht in der Lage war. Sie tritt selbstbewusst auf und wirkt auf Grund ihrer sexuellen Offenheit (nur am Rande, der schönste Satz im Film: „Hattest du etwa einen feuchten Lesbentraum? Oh, mein Gott! Du hattest eine heiße Sexphantasie von mir! War ich gut?“) auf die infantile Nina sehr erwachsen. Sie versinnbildlicht die makellose Schönheit des schwarzen Schwans Odile und trägt damit sozusagen ein negatives Spiegelbild Ninas zur Schau.

Diesen dunklen Teil ihrer Persönlichkeit versucht Nina in sich aufzunehmen, weshalb sie ihre eigene Person auf Lily projiziert, wie zum Beispiel am Abend, an dem diese Nina befriedigt, was aus dem Wunsch resultiert, sich mit ihr zu „vereinen“. Ebenso bei der Mordszene am Schluss und wenn mich nicht alles täuscht, auch bei der Begegnung im U-Bahn-Übergang identifiziert sich Nina im Unterbewusstsein mit Lily. In der Realität, die in Bezug auf diesen Film ohnehin auf subjektiver Wahrnehmung beruht, interagiert Nina jedoch mit ihr selbst. Doch trotz des Verlangens nach (geistiger) Verschmelzung mit Lily fürchtet Nina sie bzw. ihr „anderes Ich“. Ihr Wunsch nach Perfektion widerspricht sich mit ihrer Angst davor, dass dieses „andere Ich“ von ihr Besitz ergreift, was sich in ihrer Paranoia in der Vorstellung widerspiegelt, Lily würde ihre Rolle als Schwanenkönigin rauben und sie verdrängen wollen. Erst als Nina sie in einem Anfall von Wahn in ihrer Vision ermordet, kann sie in Lilys Wesen in sich aufnehmen und folglich die Verwandlung zum schwarzen Schwan vollenden.

Lily ist im Film omnipräsent, verkörpert dabei aber verschiedene Persönlichkeiten. Die sonst unglaublich sympathisch wirkende Lily nimmt in Ninas Gedankenwelt bedrohliche Wesenszüge an. Sie bezeichnet den Weg zu Ninas Ziel, schließlich hätte sich ohne sie Ninas Reifeprozess wesentlich länger hingezogen.

Die Spiegel

Neben den Charakteren verfügt der Film noch über weitere Wesenszüge, die in meiner Betrachtung ebenfalls einen Platz gefunden haben.

Auffallend ist zunächst der hohe Einsatz von Spiegeln. Sie duplizieren Nina auf optische Weise, gelegentlich auch die Mutter, die gleichfalls eine psychische Störung vorzuweisen hat. Denn die Spiegel stehen für die verschiedenen Bewusstseinsebenen und verweisen auf Ninas Schizophrenie und die Abspaltung mehrerer Persönlichkeiten. Zunehmend oft machen sich ihre Ebenbilder oder „anderen Ichs“ selbstständig, was den Kontrollverlust über die eigene Entwicklung symbolisiert, der vor allem seit dem Abend mit Lily (siehe unten) augenscheinlich wird.

Die Selbstzerstörung

Oftmals sieht man Nina von ihren blutenden Körperteilen halluzinieren. Natürlich ist das ein Effekt, um beim Zuschauer Ekel, Erschrecken etc. hervorzurufen. Mir stellt sich aber auch die Frage, wieso gerade dies als Ausdrucksmittel ihrer Psychose verwendet wird? Ich vermute, dass auf diese Art verdeutlicht werden soll, wie ein Teil ihres Inneren, Blut als Referenz zum verborgenen, schönen, schwarzen Schwan, an die Oberfläche treten will. Gleichsam ist die Unaufhaltsamkeit ihrer Metamorphose erkennbar. Auch das unbewusste Kratzen ihres Rückens weist darauf hin, dass sie sich „schälen“ will, um etwas in ihr Verborgenes zu befreien.

In einigen Szenen übergibt sich Nina, was wahrscheinlich nicht nur mit dem allgemein verbreiteten Klischee bulimischer Ballerinas zusammenhängt. Es wird ein Abstoßungsprozess dargestellt, vielleicht sogar ein Befreiungsprozess, bei der ein unerwünschter Teil aus ihrem Körper entfernt werden soll. Oftmals sind diese Brechattacken gefolgt von einem Auftritt ihrer Mutter, gerade als ob sie Ninas Brechreize herbeigeführt hätte. Euch scheint das womöglich zu weit hergeholt. Stimmt vielleicht, ich find es ja selbst ganz konfus.

Die Verwandlung zum Schwan

Schwanenmotive sind im Film allgegenwärtig. Sie sind wiederzufinden in Klingeltönen, Bildern, Skulpturen etc. Auch in Ninas Wahnvorstellungen übernehmen sie mehr und mehr ihren Körper. Denn neben den mentalen Veränderungen hinsichtlich ihres „Erwachsenwerdens“, die sich in Form erster sexueller Erfahrungen sowie anderen Handlungen wie das Entsorgen ihrer Stofftiere, einem Merkmal ihrer kindlichen, unschuldigen Seite, äußert, nimmt sie im Laufe der Zeit immer mehr schwanenhafte Eigenschaften an.

Am ehesten ist dies an der „Gänsehaut“ zu bemerken, die sich immer dann ausbreitet, sobald Nina einen Schritt weiter in ihrer Metamorphose geht. Doch Ninas Verstand treibt es noch weiter und es wird absolut obskur: Am Abend vor der Premiere knicken ihre Beingelenke nach hinten, ähnlich Vogelbeinen. Am Premieretag selbst verwachsen ihre Zehen und erinnern an die Schwimmhäute von Enten- und Schwanenfüßen. Ihr wachsen während der Vorstellung Flügel, zuvor hat sie sich schon einmal eine Feder aus dem Rücken gerupft. Alles ganz schöne Effekte, die die Veränderung Ninas auf ein Weiteres verdeutlichen sollen.

Der Abend mit Lily

Als Lily eines Abends vor Ninas Haustür auftaucht und sie spontan zu einem Drink einlädt, sträubt sich Nina zunächst, immerhin hat sie zu dem Zeitpunkt noch versucht ihrer Entwicklung entgegenzuwirken. Erst als ihr die Einengung ihrer Mutter gegenwärtig wurde, ging sie auf die Einladung Lilys ein.

Dieser Moment weist Parallelen zur Flucht des Entleins vor der Bäuerin in Andersens Märchen auf. Zwar scheint dieses Filmkapitel auf den ersten Blick unpassend, bildet jedoch die Schlüsselszene bezüglich Ninas Entfaltung als schwarzer Schwan. Nina und Lily sind sich näher als je zuvor. Nina war praktisch der „schwarze Schwan“, als welchen man sie in der Tanzsequenz kurz aufblitzen sah. Vor allem hier wird merklich, in welchem Maße Lily bei Ninas Entwicklung beteiligt ist. Ninas anderes Ich macht sich gewissermaßen zum ersten Mal selbstständig, sie verliert alle Hemmungen und vergisst für einen kurzen Moment ihr wahres Wesen.

Nina befindet sich nun an einem natürlichen Punkt im Heranwachsen eines Kindes, auch die Reaktion der Mutter ist verständlich, wenn auch verzerrt durch das relativ hohe Alter Ninas. An diesem Abend hat sie es endgültig geschafft, sich aus dem von ihrer Mutter verschuldeten Stillstand in ihrem Entwicklungsvorgang herauszulösen und erreicht somit den Zenit ihrer Verwandlung. Man kann sagen, der Kokon ist fertig gesponnen, ab diesem Punkt hat sie die Fähigkeit sich eigenständig zu entwickeln. Sie schottet sich ab und ist auf diese Weise befreit von äußeren Einflüssen sowie ihrer Mutter.

Die Premiere

Am Abend zuvor hat Nina Beth besucht und ist erschrocken gewesen über den gnadenlosen Zerfall Beths. Daher ging ich davon aus, Nina würde sich nun vollständig von der Verwandlung zurückziehen, dennoch erscheint sie am nächsten Tag völlig verändert. Ein großer Ehrgeiz geht von ihr aus und ihr fester Wille vermag es sogar ihre Mutter zu überwältigen, welche selbst am Morgen der Premiere noch versucht Nina vor der endgültigen Verwandlung zu bewahren. Nina wehrt sich vehement gegen das Wort ihrer Mutter und schließlich muss diese die Veränderung ihrer Tochter akzeptieren, sie erscheint später zur Vorstellung.

Ein plötzlicher Sinneswandel stellt sich bei Nina ein. Sie scheint offen, lebendig, selbstbewusst zu sein und im Raum mehr Platz einzunehmen, präsenter zu sein. Mit starker Stimme tritt sie Leroy gegenüber und überzeugt ihn von ihrer Fähigkeit aufzutreten. Als sie kurz vor der Vorstellung aber Lily erblickt, wird sie verunsichert. Ihr wird bewusst, dass sie längst noch nicht Lily ist und während des Auftritts unterläuft ihr ein Fehler. Nach dem Akt betritt Lily, ihr anderes Ich, Ninas Garderobe, um ihr mitzuteilen, dass sie von nun an ihre Stelle einnehmen wird. Doch bevor dies geschieht, ermordet Nina sie im Wahn. Erst durch dieses Ereignis, bei dem Nina Lily überwältigt und sozusagen die Kontrolle übernommen hat, ist Nina in der Lage in Lilys Rolle zu schlüpfen und zum schwarzen Schwan zu werden. Ihr wachsen wortwörtlich Flügel und in ihrer vollständig formierten Gestalt begeistert sie das Publikum.

Zurück in der Garderobe fängt Nina an zu realisieren, was zuvor Geschehen ist, denn wie sich herausstellt, ist Lily am Leben. Nina hat sich selbst eine Verletzung zugefügt. Erst hier beginnt Leroys scheinbar floskelhafte Aussage „Nina, du bist die Einzige, die dir im Weg steht“ Gestalt anzunehmen. Sie hat sich selbst oder, besser gesagt, ihr anderes Ich töten müssen, um zur vermeintlichen Perfektion zu gelangen. Denn kurz vor der Schlussszene gelangt sie zur Erkenntnis, dass ihre erstrebte Darstellung vom Schwan sich nicht mit der erhofften Perfektion deckt. Abschließend tritt sie wieder als weißer Schwan, der sie eigentlich ist, auf die Bühne und verabschiedet sich wehmütig, aber keinesfalls pathetisch, wie ich finde, von der Welt.

Mit ihrem Sturz von der Bühne schließt sie das Stück formvollendet ab. Ihr Wunsch erfüllt sich, als Leroy ihr die ersehnte Anerkennung zeigt, indem er ihr leise die Worte „Meine kleine Prinzessin“ sagte, welche ursprünglich Beth zustanden. „Ich war perfekt“ hauchte sie und scheint zu verstehen, dass sie zum Erreichen der Perfektion nicht nur der schwarze Schwan sein kann, genauso wenig sie ausschließlich das Wesen des weißen Schwans in sich tragen kann. Sie hat ihre eigene Form der Vollendung gefunden, indem sie beide Seiten harmonisch in sich eint. Zwar bleibt es offen, ob sie überlebt oder stirbt, doch ihre Entwicklung ist zu ihrem Ende gekommen. Schlussendlich hat sie ihre Verwandlung zum Schmetterling oder, um beim Thema zu bleiben, zum Schwan abgeschlossen.

Wie ihr merkt, ist das Motiv des schwarzen Schwans im Film allgegenwärtig, was auch die Wahl des Titels erklärt, welchem schließlich auch der näher liegende Name „Swan Lake“ hätte zugeteilt werden können.

Auf ein Schlusswort möchte ich an dieser Stelle verzichten, da ich dies nicht als vollständige Interpretation ansehe, sondern als vielleicht holprig wirkender Versuch meinerseits, dem Wesen von „Black Swan“ näherzukommen. Von daher freue mich über neue Interpretationsansätze und Denkanstöße Eurerseits. Eventuell werde ich mir den Film ein zweites Mal anschauen müssen, um auf weitere Anreize zu stoßen.

Einen verneigenden Applaus übrigens an all diejenigen, die sich bis hierher den Text erkämpft haben. Ich hoffe, es war stellenweise auch mal kurzweilig.

In diesem Sinne: Proshchaĭ, moĭ prekrasnyĭ lebedyeĭ. Und nun fliegt fort.

♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥
Geschwindigkeitsbegrenzung 85bpm überschritten.

Kommentare:

  1. Ähhhhhhhhhhhh..
    habe ehrlich gesagt nur runter gescrollt
    und die letzten Sätze durchgelesen hahaha..

    AntwortenLöschen
  2. Hi

    Coole Analyse, vielen Dank!

    AntwortenLöschen